Deutsche Übersetzung des Originaltextes

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Garnison von Saint-Maurice

Leutnant Tauxe

Festungsscheinwerfer-Pionier Kp 3

Aktivdienst 1914

DIE  GALERIE  DU  SCEX

Einführung

Die militärische Bedeutung des Engpasses von Saint-Maurice ist eine bekannte Tatsache. Bereits seit der römischen Herrschaft hat man im Verlauf der Geschichte diesen strategisch bedeutenden Punkt mit zeitgemässen Befestigungen verteidigt.

Die gegenwärtigen Festungswerke von Saint-Maurice liegen nicht im Engpass selbst, sondern auf einem Gebirgsvorsprung, der dem Dent de Morcles vorgelagert ist und der auf dem rechten Rhoneufer das Tal überragt.

Auf der ersten Terrasse des Vorsprungs erbaute man 250-350 Meter über dem Tal die befestigte Stellung Savatan, die dort die Aufgabe eines Sperrforts erfüllt. Weil Savatan von überhöhten Stellungen beherrscht wird, musste man die darüber liegende Terrasse ebenfalls befestigen und baute daher 850-1000 Meter über dem Tal die Forts von Dailly und L'Aiguille. Diese übernehmen die Aufgabe der Feuerunterstützung und beherrschen alle Stellungen auf dieser Talseite. Die Forts von Dailly und L'Aiguille werden ihrerseits beherrscht von Stellungen die auf dem Gebirgskamm und selbst auf dem Dent de Morcles eingerichtet wurden. Diese Höhenverteidigung übernimmt damit die Rolle eines Schutzforts.

Um seine Aufgabe als Positionsartillerie zu erfüllen, verfügt Savatan über vier 12 cm Geschütze, fünf 12 cm Haubitzen in Panzertürmen, 8,4 cm Geschütze in Flankiergalerien und 5,3 cm Schnellfeuerkanonen für die Verteidigung des Vorgeländes.

Die 12 cm Geschütze sind vorgesehen die feindliche Belagerungsartillerie, leichte Geschütze, Haubitzen und Mörser zu zerschlagen, die nicht im Schussfeld von Dailly liegen.

Die sich aus der Geländeform ergebenden zahlreichen schusstoten Räume der 12 cm Geschütze sind äusserst gefährlich, weil sie in unmittelbarer Nähe der Stellung liegen. Eventuelle Mörserbatterien könnten diese schusstoten Räume als Stellung benützen und sie dienen jedenfalls auch als Ausgangsstellung der angreifenden Infanterie. Um sich gegen diese Bedrohung zu schützen, beschloss man eine Flankierstellung auf dem linken Rhoneufer einzurichten.

Als geeigneter Ort für diese Flankierstellung bietet sich die Felswand, die Saint-Maurice überragt, an und 1906 brachte man dort auf einer Terrasse eine Batterie mit sechs 8,4 cm Geschützen in Stellung, dort wo bereits die Ermitage und die "Chapelle de Notre Dame du Scex" erbaut worden sind.

Diese Batterie wurde durch ein vollständigeres, stärkeres und dementsprechend bewaffnetes Werk ersetzt: die Galerie du Scex.

Das Werk wurde direkt in die Felswand gebaut, auf der Höhe einer Felsterrasse, die sich einige Hundert Meter über dem Tal der Wand entlang zieht.

Man erreicht die Anlage über zwei Pfade. Der eine zweigt auf der Höhe der unteren Terrasse vom Weg ab der zur Chapelle du Scex führt; der andere zweigt vom Maultierweg ab, der Les Cases mit Vérsossaz verbindet, dort wo dieser ungefähr die Höhe der Galerie erreicht hat.

Beschreibung

Das Werk ist also in den Felsen hinein gebaut. Durch den Eingang (1) gelangt man in die Kaponiere (2), die mit 4 Maschinengewehren auf Festungslafetten bewaffnet ist; diese sind vorgesehen die Felsterrasse und die ungefähr 40 m von der Kaponiere entfernten Stacheldrahthindernisse (3) zu verteidigen. Es ist der einzige vorspringende Punkt der Anlage sowie gleichzeitig das einzige Flankierelement aus armiertem Beton der direkt auf den Felsen gegossen wurde und eine unterschiedliche Wandstärke von 1 m bis 1,50 m aufweist. Von der Kaponiere gelangt man zur Wache (4) mit einer Unterkunft für 8 Mann, darüber befindet sich das Schiessbüro mit 3 gepanzerten Beobachtungsposten, die mit Telefonapparaten und mit Steckdosen für die Fernsteuerung der Scheinwerfer ausgerüstet sind. In diesem Lokal befindet sich auch die Werk-Telefonzentrale.

Der Hauptkorridor (6) verbindet die ganze Galerie. Bei (5) befindet sich das Munitions- magazin des Werkes. Der südliche Flügel der Galerie umfasst folgende Räumlichkeiten: den Lampenraum (7) in dem Öle, Fette und Hilfstreibstoffe für die Elektrozentrale eingelagert sind. Das Trinkwasserreservoir (8) hat ein Fassungsvermögen von 117 m3 und mit dem Wasser des Überlaufs wird ein Zusatztank mit kleinerem Inhalt gespiesen, ab dem die Galerie mit Wasser versorgt wird. Wenn der Überlauf nicht mehr funktioniert und wenn der Zusatztank leer ist, füllt man diesen mit einer Handpumpe mit Wasser aus dem Trinkwasserreservoir auf; damit ist der Verbrauch auf den Inhalt des Zusatztanks beschränkt, falls aus Versehen ein Wasserhahn offen geblieben ist oder die Wasserverteilleitung durch einen Unfall beschädigt wird. Die Kasematte Süd (9) ist, wie auch diejenige im Norden, mit zwei 7,5 cm Schnellfeuergeschützen, mit kurzem Rohrrücklauf bewaffnet. Die Munitionsdotation umfasst 700 Schuss pro Geschütz. Die Elektrozentrale (10) befindet sich hinter dieser Batterie. Der Strom wird von 3 Aggregaten à 25 PS erzeugt, diese werden mit Weingeist betrieben der in 2 verkleideten Glaszisternen (11), mit einem Fassungsvermögen von ungefähr 9600 Litern, in Reserve gehalten wird. Die Akkumulatorenbatterie (12) befindet sich in einem besonderen Raum, sie besteht aus 56 Elementen die 270 Ampere/Stunden abgeben können (was dem Betrieb eines Scheinwerfers während 2 1/4 Stunden entspricht). Über diesen Räumlichkeiten befindet sich über der Kasematte eine Galerie für 2 Maschinengewehre mit Kommandoposten und über dem Gewölbe die Reparaturwerkstatt und das Ersatzteillager. Der weiterführende Gang (13) mündet in den Liftschacht (14) des Scheinwerfers Süd, der sich 19 m über dem Niveau der Galerie befindet.

Der Nordflügel der Galerie umfasst folgende Räumlichkeiten: die Küche (15) mit dem Brennstofflokal (16), das Lebensmittelmagazin (17) mit Vorräten für 2 Monate, die Latrinen (18) und die mit zwei 7,5 cm Geschützen bewaffnete Kasematte Nord (19); dahinter befinden sich: das Zimmer des Werkkommandanten (20) und seinem Stellvertreter, ein Offizierszimmer (21) der Schiesskommandanten, des Maschinengewehr -Detachementchefs und der Pioniere, dann der Schlafraum der Truppe (22) mit 84 Liegestellen. Diese Unterkünfte werden mit einer Warmwasser-Zentralheizung (23) geheizt. Über der Kasematte (19) befindet sich eine Maschinengewehr-Galerie und das Krankenzimmer. Über die Treppe (24) erreicht man den Scheinwerfer Nord, der sich 8,50 m über der Galerie befindet. Die Scheinwerfer haben ein Kaliber von 90 cm (Durchmesser des Spiegels) und sind auf einem Geleise Typ Decauville mit Drehscheibe (25) installiert, damit kann man sie für den Einsatz auf der Plattform nach vorne schieben oder sie im dahinterliegenden Raum (26) in Deckung bringen.

Benutzung

Der Bereich, den die Galerie mit ihrem Feuer bestreichen kann, ist generell das ganze Vorgelände des Forts Savatan, so wohl dessen Nord- als auch dessen Südfront. Der Einsatz wird in diesem Raum vom Verlauf des feindlichen Vorstosses abhängen und erfordert eine enge Zusammenarbeit mit Savatan.

Solange die Telefonverbindungen nicht unterbrochen sind, werden alle Anweisungen, die die zu erfüllenden Aufträge betreffen, vom Kommandanten des Forts Savatan erteilt, um damit den bestmöglichen Erfolg mit einem minimalen Munitionsaufwand zu erreichen.

Die Galerie als Flankierwerk wird bei feindlichen Angriffen gegen Savatan eine bedeutende Rolle spielen, sowohl bei der Verteidigung des Vorgeländes, als auch im Kampf um Glacis und Hindernisse wird sie entscheidend mitwirken.

Im Gegensatz zur Nord- und Westmauer, bei der die Flankierung auch unter feindlichem Artilleriefeuer sichergestellt ist, fehlt bei der Südmauer eine Flankierung; mit der Feuerunterstützung der Galerie du Scex wird aber hier ein feindlicher Sturm trotzdem zurückzuschlagen sein.

Die Telefonverbindung, die dem Kommandanten von Savatan ermöglicht rechtzeitig die Batterien der Galerie du Scex einzusetzen, ist doppelt geführt: eine Leitung mit 4 Drähten verlässt die Felswand unterhalb Savatan und quert über Lavey-Les-Bains das Tal bis nach Cases, anschliessend erreicht sie die Südseite der Galerie über den Zugangspfad. Eine andere Leitung führt ab der Westmauer über Lavey-Village gradlinig an den Fuss der Felswand von Vérossaz unterhalb der Galerie und erreicht ab hier direkt das Werk. Diese Leitungen sind Freiluftleitungen und obwohl es scheint, dass sie gegenüber unterirdischen Leitungen mehr Risiken beinhalten, weisen sie aber den Vorteil der viel schnelleren Instandsetzung auf.

Falls diese Leitungen hoffnungslos unterbrochen wären, hätte der Werkkommandant aus eigener Initiative, unter Berücksichtigung der momentanen Lage, zu handeln. Sollten dies die atmosphärischen Bedingungen erlauben, wird er die Verbindung mit optischen Signalen suchen um sich damit über die Absichten des Kommandanten von Savatan ins Bild zu setzen.

Die Scheinwerfer der Galerie du Scex haben einen ähnlichen Auftrag wie die Batterien, indem sie meistens dem Fort Savatan zur Verfügung stehen werden. Sehr wahrscheinlich werden sie wahlweise als Aufklärungs- und Schiessscheinwerfer eingesetzt oder dazu verwendet dem Feind die Orientierung zu erschweren.

Ohne vorher eingeschaltet werden zu müssen, können die Scheinwerfer mit Hilfe der Panoramaskizze auf mögliche Stellen gerichtet werden, indem die Richtung und die Elevation aus dem massstäblichen Gitternetze, das mit der Richtskala der Scheinwerfer übereinstimmt, herausgelesen werden. Eine ähnliche Skizze dient auch den Schiessoffizieren, die damit die Elevationen und Richtungen, die für Scheinwerfer und Batterien praktisch identisch sind, ermitteln können und diese nur noch mit der distanzabhängigen Abdrift (Derivation) ergänzen müssen. Hier könnten auch noch die schusstoten Räume von Savatan eingetragen werden.

Verwundbarkeit

Obwohl die Lage des Werkes den Eindruck erweckt, dass es nicht ohne weiteres mit feindlichem Artilleriefeuer wirkungsvoll beschossen werden kann, darf man dies dennoch nicht ausser acht lassen, wird doch der Feind versuchen müssen die flankierende Wirkung der Galerie du Scex auszuschalten. Es ist also anzunehmen, dass der Feind die Geschütz- und Maschinengewehr-Galerien unter Feuer nimmt. Zur Zeit wird die Ventilation der Kasematten mit einer einfachen Luftzirkulation, wie nachstehend mit grünen Pfeilen eingezeichnet ist, sichergestellt. Wenn die Schiessscharten gezielt unter Beschuss genommen werden, erzeugen die davor explodierenden feindlichen Granaten laufend grosse Gasmengen. Ich behaupte, dass diese schädlichen Gase von der Luftströmung angesogen werden und ins Innere der Galerie gelangen, damit werden sie den Aufenthalt in der Kasematte verunmöglichen. Während diesem Aktivdienst hat sich in der Elektrozentrale, die ein gleichartiges Lüftungssystem aufweist, ein Fall zugetragen der dies beweist. Im Oktober hat ein sehr starker Föhn die Auspuffgase der Explosionsmotoren im Kamin (C) zurückgestaut. Die Bedienungsmannschaft konnte in der Zentrale ihre Arbeit nicht fortsetzen, weil die Luft nicht mehr zu atmen war. Diese Vergiftung hatte zur Folge, dass diese Leute während einem Tag krank waren.

Es scheint mir, dass es notwendig wäre, diese Kasematten mit einem vernünftigeren Lüftungssystem und einer wirksameren Ventilation auszurüsten. Beispielsweise ergäbe ein Lüftungsrohr, das von einem etwa zehn Meter unter der Galerie gelegenen Lufteinlass in den Zwischenraum geführt wird, zusammen mit dem Kamin (C), eine ausreichende Belüftung für den Schlafraum der Truppe (D). Für die Belüftung der Kasematte (A) müsste an dieser Leitung ein Rohr mit einem Ventilator (B) angeschlossen werden. Damit könnte man durch die Inbetriebnahme von (B), das Eindringen von Gas verhindern. Ausserdem ist bei vollständiger Belegung des Schlafsraumes die Luft knapp ausreichend, aber mit dem Luftzug über die Zugangstreppe des Scheinwerfers wird diese mit der gegenwärtigen Lüftung nicht rasch genug erneuert. Das kommt daher, dass die verbrauchte Luft vom Luftzug nicht erfasst wird, sondern dass sie sich im Schlafraum wie in einem Sack staut.

Genügt das feindliche Artilleriefeuer nicht um das Werk zu zerstören, wird der Angreifer eine andere Methode anwenden müssen. Die Galerie wird er aber sicher nicht angreifen können bevor er das Plateau von Vérossaz oder wenigstens dessen dominierenden Teil besetzt hat. Dies lässt den Schluss zu, dass eigene Truppen am Plateaurand wesentlich dazu beitragen einen Seitenangriff über die Terrassen der Felswand zu verhindern. Die Hindernisse, die die Terrasse sperren und - falls dem Beschuss standgehalten - das Maschinengewehrfeuer der Kaponiere, werden den Seitenangriff aufhalten worauf die von den Scheinwerfer-Plattformen geworfenen Handgranaten und die Handfeuerwaffen der Besatzung diesen Angriff entgültig zerschlagen werden. Besetzt der Feind dagegen das Plateau von Vérossaz, ist sehr wahrscheinlich, dass er mit Seilen eine Anzahl Leuten hinunterlässt und diese sich trotz des Feuers von Savatan auf der Terrasse oberhalb der Galerie festsetzen; ab hier werden sie versuchen mit Sprengstoff einen Teil des Werkes zu sprengen, dazu benützen sie die Lüftungsschächte und andere Öffnungen oder einfach nur die Scharten, wenn deren Bewachung nicht lückenlos sichergestellt ist.

Gegen diesen Angriff wird sich der Werkkommandant schützen müssen, indem er entweder vor jeder Öffnung Hindernisse errichten lässt oder zu diesem Zweck auf der höher gelegenen Terrasse einen festen Posten - zum Beispiel einen Unteroffiziersposten - postiert, der in ständiger Verbindung mit dem Werkinneren steht und der wie ein Adlerhorst an der Felswand angehängt ist.

Die feindliche Besetzung vom Plateau von Vérossaz wird den Raum den die Scheinwerfer beleuchten können verkleinern, weil die Plattformen und Scheinwerfer vollständig deckungslos sind und damit Geschossen oder Felsbrocken aus dem oberen Teil der Felswand ausgesetzt sind. Es ist auch ohnehin notwendig, über diesen Plattformen ein armiertes Betondach anzubringen (siehe Skizze), sei es auch nur um die Scheinwerfer vor dem starken Steinschlag und den Eisklumpen zu schützen, die bei jedem Tauwetter herunterfallen. Damit wird man auch noch zusätzlich einen Splitterschutz gegen Schüsse der feindlichen Artillerie erhalten, die oberhalb in der Felswand einschlagen.

Ausserdem darf man nicht vergessen, dass die Umgebung der Galerie du Scex vollständig von den Forts von Savatan und Dailly abgedeckt wird und weil die Galerie hauptsächlich die Verteidigung von Savatan unterstützt, kann sie ihrerseits auch erwarten das ihr Savatan mit seinen verfügbaren Mitteln zu Hilfe kommen wird.

Der Erfolg des Forts ist vor allem von den Reserven mit denen es ausgerüstet worden ist abhängig. In erster Linie sind dies die Munitionsreserven, die für die zu erfüllende Aufgabe eher schwach bemessen sind und schlussendlich sind es die Lebensmittelvorräte für die Werkbesatzung. Die Versorgung wird nur schwierig durchzuführen sein und falls es dem Angreifer gelingt das Werk vollständig zu isolieren, so verfügt man ab diesem Zeitpunkt nur noch über die Munitions- und Lebensmittelreserven. Wenn diese Reserven erschöpft sind ist die Galerie du Scex ausser Gefecht gesetzt.

Lavey-Village      März 1915    

Leutnant Tauxe              

Fest Pi Kp 3               

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Dernière révision 15.04.2017